Mein Kind, das Werbeobjekt

Ausverkauf der KinderDer Titel ist provokant. Ja, das soll er auch sein, denn das heutige Thema handelt von der Vermarktung von Kindern zur Erwirtschaftung finanzieller Gewinne. Gleich vorneweg – nein, ich habe keine Kinder. Noch nicht. Aber das soll nicht für immer so bleiben und in einem Alter, in dem das Thema Kinder mehr und mehr an Bedeutung gewinnt, wird man auch sensibler für eben dieses Thema. Und so habe ich den Eindruck, dass mit der Verbreitung der sozialen Netzwerke in den letzten Jahren zugleich auch die Hemmschwelle sinkt, für jenes, was auf den Profilen dieser Welt veröffentlicht wird.

Wenn das zurückhaltende Mädchen über die Jahre ihrer Aktivität in sozialen Netzwerken vom “Einkaufstüten-Auspacker” (in der Szene nennt man das “Haul”) zur posenden Beautyqueen wird, die viel nackte Haut auf ihrem Instagram-Account zeigt, dann ist dies eine Sache. In den allermeisten Fällen sind die besagten Personen volljährig und somit für sich selbst verantwortlich. Was mir jedoch immer öfter über den Weg läuft sind die sogenannten “Mama-Blogger”.

Mama Blogger – und die verlorene Privatsphäre

Als “Mama-Blogger” bezeichnen sich in der Regel Mütter, die im Wesentlichen über Eltern-Themen als auch über ihre Rolle als Mutter und die Entwicklung ihrer Kinder schreiben. Hierbei lässt sich, meiner Meinung nach, jedoch in verschiedene Kategorien von Mama-Bloggern unterscheiden: Mama-Blogger, die ihren Kindern Pseudonyme geben und nur beispielhafte Situationen aus dem Alltag nennen, Mama-Blogger, die Pseudonyme verwenden, jedoch konkret aus ihrem Alltag berichten (die Berichte sind dabei mit Fotos gespickt, die die Kinder zwar zeigen, jedoch deren Gesicht verbergen) sowie die dritte Kategorie – Mama-Blogger, die ihre Kinder beim Echtnamen verbloggen sowie Fotos der Kinder zeigen.

Und genau um diese dritte Kategorie soll es heute gehen. Ich habe das Gefühl, dass die Anzahl (absolut – nicht zwingend in Relation zur Gesamtheit) der bloggenden Mütter steigt, die offen über ihre Kinder berichten. Dabei wird das Kind im neuesten Schlafanzug von Label XYZ oder mit dem neuen Kuscheltier von Firma ABC in Hochglanz abgelichtet und auf dem Blog veröffentlicht. Die Ware gibt es in den meisten Fällen umsonst und ein Honorar ist nicht selten ebenfalls Bestandteil der “Kooperation”. Daraus ergeben sich für mich die drei folgende Fragen:

  1. Rechtliche Frage: Hat ein Kind nicht Anspruch auf Privatsphäre? Darf die Mutter über den Kopf des Kindes hinweg entscheiden, das Kind der gesamten Welt in intimsten Momenten zu zeigen?
  2. Frage an die Mama-Blogger: Habt ihr keine Bedenken, dass eure Kinder spätestens in der Schule zu Mobbing-Opfern werden könnten, wenn die Klassenkameraden die Baby-, Kinder- und Spielfotos vergangener Jahre im Internet finden?
  3. Frage an die beteiligten Firmen: Wie lässt es sich mit der jeweiligen Corporate Social Responsibility (CSR) vereinbaren, dass Schutzbefohlene (=Kinder) im Rahmen eurer finanziellen Wertschöpfung genutzt werden, um eure Produkte zu vermarkten. Widerspricht das nicht im Grundsatz all dessen, was man unter sozialer Verantwortung versteht?

Bevor ich weiter auf die drei Fragen eingehe, möchte ich noch folgenden Gedanken einwerfen. Zumindest mir wurde als Kind eingebläut nicht mit fremden Menschen mitzugehen als auch keine Geschenke, insbesondere Süßigkeiten, von Fremden anzunehmen. Der Hintergedanke dabei war, mich von möglichen Entführern, Schändern und sonstigem Pack zu bewahren.

Nimm keine Schokolade von fremden Menschen an!

Ich behaupte einfach mal, dass auch Mama-Blogger dritter Kategorie ihre Kinder lieben und davor bewahren wollen. Jedoch frage ich mich, ob dies nicht im Gegensatz zu ihrem Handeln steht. Wenn ich als Mama-Blogger der ganzen Welt zeige, auf welchem Spielplatz mein Kind regelmäßig ist, welche Kuscheltiere und welches Essen es liebt, mache ich es dann schlechten Menschen nicht besonders leicht einen Zugang zu den Kindern zu finden?

Die drei Kernfragen

Grundgesetz DeutschlandDoch nun zurück zu den drei Fragen. Ich möchte bzw. ich habe versucht diese drei Fragen im Folgenden für mich zu beantworten und aus meiner Sicht zu erläutern. Die folgenden Antworten sind deshalb sehr wahrscheinlich in gewissermaßen subjektiv geprägt. Dennoch würde ich mich freuen, wenn ihr/du/Sie sich die Zeit nehmen würden, meine Standpunkte zu lesen, um anschließend in den Kommentaren dieses Artikels in die Diskussion darüber einzusteigen.

Frage 1: Hat ein Kind nicht Anspruch auf Privatsphäre? Darf die Mutter über den Kopf des Kindes hinweg entscheiden, das Kind der gesamten Welt in intimsten Momenten zu zeigen?

In Deutschland gilt das Recht auf informationelle Selbstbestimmung, welches uns erlaubt selbst über die Verwendung personenbezogener Daten zu bestimmen. Es gehört, auch wenn es noch nicht im Grundgesetz steht, zu den sogenannten “Datenschutz-Grundgesetzen”. Kinder sind, vor allem Kleinkinder, sind nicht in der Lage die Gefahren einzuschätzen und bedürfen der Sorge ihrer Eltern. Wenn Eltern nun Fotos der Kinder posten, entscheiden Sie für die Kinder, persönliche Daten der Kinder öffentlich freizugeben. Müssten Eltern nicht genau das Gegenteil tun und die Privatsphäre der Kinder schützen. (Solange bis die Kinder groß genug sind, selbst darüber zu entscheiden, was sie von sich preisgeben. Wobei selbst dann die Eltern bis zur Volljährigkeit eine schützende Hand über die Kinder halten sollten.)

Frage 2: Habt ihr keine Bedenken, dass eure Kinder spätestens in der Schule zu Mobbing-Opfern werden könnten, wenn die Klassenkameraden die Baby-, Kinder- und Spielfotos vergangener Jahre im Internet finden?

Mobbing ist ein Generationen übergreifendes Thema. Zwar wandeln sich die Themen und Auslöser, aber Mobbing ist und war immer ein Thema. Und so glaube ich, dass auch Kinder, die heute von ihren Eltern in intimsten Situationen auf Facebook und Instagram präsentiert werden (beim Stillen, in der Badewanne, …) später mit hoher Wahrscheinlichkeit gemobbt werden. Kinder sind nicht blöd und es gibt immer einen, der das Instagramprofil der Mutter seines Klassenkameraden findet. Und wenn dann erst einmal die Nacktbilder aus dem Planschbecken gefunden werden, ist das Geheule groß…

Frage 3: Wie lässt es sich mit der jeweiligen CSR (Corporate Social Responsibility) vereinbaren, dass Schutzbefohlene (=Kinder) im Rahmen eurer finanziellen Wertschöpfung genutzt werden, um eure Produkte zu vermarkten. Widerspricht das nicht im Grundsatz all dessen, was man unter sozialer Verantwortung versteht?

Jemand der Kinderprodukte, egal ob Babynahrung, Kleidung oder Kinderwagen, verkaufen will, sollte als Leitlinie das Wohl der Kinder haben. Eine Firma die sagt: “Profit vor Kindeswohl” würde niemals erfolgreich seine Produkte absetzen können. Und so Frage ich mich, wie eine Firma Müttern Geld bezahlen kann, damit diese die Privatsphäre der Kinder verletzen. Das bringt zwar Publicity, jedoch auf Kosten des Wohls sowie der Privatsphäre der Kinder. Eigentlich ist dies doch genau der “Profit auf Kosten der Kinder”. Wieso kaufen also noch soviele Eltern Produkte von Firmen, die dies tun?

Feedback und offener Diskurs

Wie gesagt – ich habe noch keine Kinder. Aber wenn es mal soweit ist, weiß ich, dass ich keine Fotos meiner Kinder auf jeglicher Art öffentlicher Profile veröffentlichen möchte. (Wenn überhaupt, dann nur anonymisiert.) Wie seht ihr das? Habt ihr schon Kinder und wie wollt bzw. werdet/würdet ihr mit diesem Thema umgehen?

Mein Kind, das WerbeobjektÜber den Autor: Dieser Artikel, sowie 359 andere Artikel auf code-bude.net, wurden von Raffael geschrieben. – Seit 2011 blogge ich hier über Programmierung, meine Software, schreibe Tutorials und versuche mein Wissen, so gut es geht, mit meinen Lesern zu teilen. Zudem schreibe ich auf derwirtschaftsinformatiker.de über Themen meines Studiums.  //    •  • Facebook  • Twitter


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