Seit einiger Zeit habe ich das Gefühl, dass das Internet ein schlechterer Ort geworden ist. Nicht unbedingt lauter, nicht unbedingt langsamer, aber leer an den Stellen, an denen früher Menschen sichtbar waren. Vor zehn oder fünfzehn Jahren konnte ich mich durch kleine private Blogs klicken, in Foren mitlesen, in Kommentaren widersprechen und dabei nebenbei etwas lernen. Es war ein Netz aus vielen kleinen Stimmen, nicht immer klug, nicht immer schön, aber erkennbar von Menschen gemacht.
Ich erinnere mich an Abende, an denen ich einen Blogeintrag über ein Problem gelesen und über die Kommentare eine bessere Lösung gefunden habe. Ich habe selbst geschrieben, Fragen gestellt, Fehler korrigiert und Links zu anderen Seiten gesetzt. Heute schreibe ich weiterhin über Dinge wie mein GitHub-Backup mit Gickup und Forgejo oder lokale KI im Homelab. Ein Beitrag war früher oft nur der Anfang eines Gesprächs. Heute lande ich viel häufiger bei großen Medien, die längst zu Meinungsmachern geworden sind, oder auf Seiten, deren eigentliche Aufgabe offenbar darin besteht, möglichst viel Werbung zwischen möglichst viel Text zu verteilen. Und die andere Hälfte der Inhalte klingt, als hätte eine Maschine den Raum gefüllt, weil Stille im Internet nicht vorgesehen ist.
Das macht mich fast ein bisschen traurig. Nicht, weil früher alles besser gewesen wäre. Das war es nicht. Aber der Community-Gedanke, den ich damals erlebt habe, ist schwerer zu finden. Sichtbarkeit ist knapper geworden, Austausch wandert in geschlossene Gruppen, und vieles, was öffentlich entsteht, wird von Plattformen sortiert, zusammengefasst oder gleich selbst produziert.
Ich möchte dieses Gefühl deshalb nicht einfach als Nostalgie stehen lassen. Erst geht es um die kleine Blogwelt, an die ich mich erinnere, dann um Zahlen zu Sichtbarkeit, Beteiligung und KI. In der zweiten Hälfte wird es absichtlich unangenehm: nicht als Vorhersage, sondern als mögliche Dystopie. Wenn du das Internet ebenfalls als leer empfindest, findest du hier vielleicht keine Beruhigung, aber eine etwas genauere Beschreibung.
Das Internet, das ich kannte
Die alte Blogosphäre war keine idyllische Gegenwelt. Sie hatte Werbung, Eitelkeiten und genug Beiträge, die besser im Entwurfsordner geblieben wären. Trotzdem gab es eine Infrastruktur für Austausch: RSS-Feeds, Blogverzeichnisse, gegenseitige Links und die Deutschen Blogcharts. Als Jens Schröder 2012 das Ende der Blogcharts verkündete, war das mehr als das Ende einer Rangliste. Eine gemeinsame Landkarte verschwand.
Die Größenordnung dieser Welt war ohnehin weniger stabil, als die Erinnerung vermuten lässt. Nicholas Carr zitierte 2008 aus dem Technorati-Bericht 133 Millionen indexierte Blogs. 94 Prozent davon galten als eingeschlafen, 7,4 Millionen hatten in den letzten 120 Tagen geschrieben, 1,5 Millionen in der letzten Woche. Die Zahl beschreibt nicht die Gegenwart, zeigt aber, dass die Blogosphäre schon damals aus sehr vielen stillen Seiten bestand.
Auch der Google Reader war kein nebensächliches Produkt. Er wurde am 1. Juli 2013 eingestellt. Feedly meldete danach mehr als eine halbe Million neue Nutzer. Der Reader war ein Sammelpunkt, an dem Leser ihre Auswahl selbst zusammenstellten. Danach wurde der Algorithmus zum Eingangstor. Heute gibt es weiterhin aktive Blogs, Newsletter und unabhängige Magazine. Was fehlt, ist eher die sichtbare Szene dazwischen.
Das lässt sich nicht mit einer aktuellen Zahl aktiver deutscher Blogs beweisen. Eine solche belastbare Erhebung gibt es nicht. Belegt ist aber der Trafficverlust: In einer Auswertung von 100 Blogs verlor etwa die Hälfte seit 2022 mehr als 80 Prozent ihres Suchtraffic. In der EU endeten 2024 laut der SparkToro Zero Click Studie 59,7 Prozent der Google-Suchen ohne Klick ins Open Web. Kleine Seiten verschwinden damit nicht unbedingt, aber sie werden schwerer gefunden.

Was an ihre Stelle getreten ist
An die Stelle der vielen Eingänge ist kein einzelner neuer Eingang getreten, sondern eine Handvoll sehr großer. Google liegt weltweit bei rund 90 Prozent Marktanteil in der Suche. Gleichzeitig ist der Verkehr selbst längst nicht mehr nur menschlich. Der Imperva Bad Bot Report kam für 2024 im eigenen Messnetz auf 51 Prozent automatisierten Traffic, davon 37 Prozent Bad Bots und 14 Prozent Good Bots. Das beschreibt nicht das gesamte Internet, zeigt aber, in welcher Umgebung Seiten heute arbeiten.
Auch die Inhalte verändern sich. Die Studie The Impact of AI Generated Text on the Internet fand Mitte 2025 bei rund 35 Prozent der neu erschienenen Websites KI-erzeugte oder KI-unterstützte Texte. Die Graphite-Auswertung kam zu dem Befund, dass KI-erzeugte Artikel seit November 2024 die Zahl der von Menschen erzeugten Artikel übertreffen. Das bedeutet nicht, dass 51 Prozent der Texte von Maschinen stammen. Traffic und Inhalt sind zwei verschiedene Dinge. Es bedeutet aber, dass die Maschine nicht mehr nur ein Werkzeug am Rand ist.
Die Aufmerksamkeit konzentriert sich dabei auf wenige Anbieter, während ein großer Teil der Recherche auf den Plattformen endet. Bei Suchanfragen mit AI Overviews sank die Klickrate des ersten Ergebnisses in der Ahrefs-Analyse um 58 Prozent. Wer seine Antwort auf einer eigenen Seite veröffentlicht, liefert also womöglich weiterhin die Information, bekommt den Leser aber nicht mehr zu sehen. Das ist ein schlechter Tausch: Die Arbeit bleibt öffentlich, zurück kommt nichts.
Dass Menschen Nachrichten meiden, passt in dieses Bild, ohne es vollständig zu erklären. Der Digital News Report 2025 nennt 40 Prozent, die Nachrichten manchmal oder oft vermeiden. 2017 waren es 29 Prozent. Ein Teil der Öffentlichkeit zieht sich also nicht in kleine Blogs zurück, sondern klickt weniger, liest selektiver und bleibt in wenigen vertrauten Kanälen.
Auch die Orte, an denen Wissen entstand, sterben
Das deutlichste Beispiel ist Stack Overflow. Im März 2014 wurden dort laut der dokumentierten Zeitreihe 207.172 neue Fragen gezählt. Im Dezember 2024 waren es 25.566, im Juni 2026 nur noch 1.624. Der Rückgang begann bereits um 2014 und beschleunigte sich ab 2020. ChatGPT hat ihn nicht erfunden, aber die Frage-Antwort-Funktion direkt ersetzbar gemacht.
Die Plattform ist deshalb nicht einfach verschwunden. Sie hat weiterhin ein Archiv mit 24.245.171 Fragen und 36.100.877 Antworten. Gleichzeitig lizenziert Stack Overflow Inhalte an Google und OpenAI. Wissen, das einst durch freiwillige Fragen, Antworten und Korrekturen entstand, lebt damit als Trainingsmaterial weiter. Die Community wird zur Lieferkette, während der öffentliche Austausch austrocknet.
Andere Plattformen zeigen verschiedene Enden. Yahoo Answers wurde 2021 geschlossen, die Inhalte wurden nicht vollständig archiviert. Das Archive Team rettete im read-only-Zeitraum 4,75 Terabyte, aber nicht die komplette Seite. Delicious ist seit 2017 ein eingefrorenes Archiv. Flickr löschte Fotos aus kostenlosen Konten, nachdem das Limit auf 1000 Bilder gesetzt wurde. Eine Plattform muss also nicht immer sterben, damit Wissen verloren geht. Manchmal reicht es, wenn niemand mehr korrigiert, verlinkt oder bezahlt.
Der Harvard-Bericht zu Linkverfall fand bereits 2014, dass rund 50 Prozent der Links in Entscheidungen oberster US-Gerichte nicht mehr erreichbar waren. Für normale Blogs gibt es keine vergleichbare aktuelle Messung. Das Grundproblem kennt trotzdem jeder, der einen alten Artikel mit fünf kaputten Links öffnet. Archive helfen, aber die Wayback Machine ist selektiv und kein Versprechen auf Vollständigkeit. Wikipedia, Reddit und GitHub zeigen zugleich, dass öffentliches Wissen und Beteiligung nicht verschwunden sind. Sie sind nur nicht mehr überall dort, wo wir sie früher erwartet haben.
Das Internet ist tot: eine Dystopie
Alle schreiben, niemand liest
In einem möglichen nächsten Schritt wird das Internet nicht leer, sondern ununterscheidbar voll. Maschinen erzeugen Artikel, Zusammenfassungen, Kommentare und Bilder. Menschen erzeugen weiterhin die Rohideen, aber sie sehen immer weniger davon. Wenn Sichtbarkeit bei wenigen Plattformen liegt und Suchmaschinen Antworten selbst anzeigen, kann ein Text tausendfach kopiert werden, ohne dass daraus ein Gespräch entsteht.
Das wäre keine Welt ohne Inhalte. Es wäre eine Welt, in der Veröffentlichung und Rezeption auseinanderfallen. Alle können etwas erzeugen, aber nur wenige bekommen Aufmerksamkeit. Der einzelne Blogpost wäre dann nicht tot, sondern praktisch unsichtbar. Ein sehr modernes Grab, mit Suchfunktion.
Die Maschinen lernen aus sich selbst
Hier wird es technisch. Die Nature-Arbeit zum Model Collapse zeigt im Labormaßstab, was passiert, wenn jede Modellgeneration mit den Erzeugnissen der vorherigen trainiert wird und echte Daten ersetzt. Zuerst verschwinden seltene Varianten, später verengt sich die Verteilung immer stärker. In einem Sprachmodell verschlechterte sich die Perplexität nach fünf Epochen mit generierten Daten auf 28 gegenüber 20. Zehn Prozent Originaldaten schwächten den Effekt ab.
Das ist kein Beweis, dass das Web als Ganzes kollabiert. Gegenarbeiten zeigen, dass die Akkumulation echter Daten den Kollaps verhindern kann. Auch Bertrand und Kollegen beschreiben stabile Bedingungen, wenn ein ausreichend großer Anteil echter Daten erhalten bleibt. Genau deshalb ist die Lage offen. Eine reine Rückkopplung ist im Labor belegt, ein vollständig rekursives Web im großen Maßstab nicht.
Das Risiko wächst trotzdem, wenn echte Daten knapper werden. Die Epoch-AI-Schätzung liegt bei rund 300 Billionen öffentlich verfügbaren menschlichen Text-Tokens. Trainingssätze könnten zwischen 2026 und 2032 ungefähr so groß werden wie dieser Bestand. Gleichzeitig sperren immer mehr Seiten Crawler. Die Data Provenance Initiative maß im C4-Datensatz 45 Prozent blockierte Domains im April 2024, nach 5 Prozent vor ChatGPT. Cloudflare wechselte 2025 bei KI-Crawlern zu Block by default. Weniger neue menschliche Daten treffen also auf mehr Bedarf und mehr synthetische Inhalte.
Was das mit uns macht
Die unangenehmste Möglichkeit betrifft nicht die Modelle, sondern uns. Wenn Schreiben, Suchen, Ausprobieren und Korrigieren immer häufiger ausgelagert werden, könnten wir diese Fähigkeiten seltener üben. Das wäre Deskilling: nicht die plötzliche Verdummung aller Menschen, sondern der schleichende Verlust von Routine. Wer nie eine Frage formuliert, findet schlechter heraus, was er eigentlich wissen will. Wer nie einen Fehler debuggt, erkennt schwerer, ob eine Antwort nur plausibel klingt.
Die Forschung belegt diesen Verlauf nicht als gesellschaftliches Gesetz. Sie zeigt aber, dass die Zahl aktiver Editoren der englischen Wikipedia von 53.102 im März 2007 auf 29.808 im Juni 2025 sank. In der deutschen Wikipedia fiel die vergleichbare Zahl von 7.870 im November 2007 auf 4.830 im Juni 2025. Das ist kein Beweis für Verdummung. Es ist ein Hinweis darauf, dass weniger Menschen öffentlich Wissen pflegen.
Was trotzdem bleibt
Es bleibt mehr, als die Dystopie vermuten lässt. Wikipedia verzeichnete 2025 insgesamt 517 Millionen Edits, davon 316 Millionen durch Menschen. GitHub meldete im Open-Source-Bereich 1,12 Milliarden Contributions und 255.000 neue Erst-Contributors im März 2025. Foren, Newsletter, Open-Source-Projekte und das Fediverse funktionieren weiterhin, oft kleiner, direkter und mit weniger Reichweite als die großen Plattformen.
Das ist keine romantische Rettung, sondern eine nüchterne Option. Ich kann selbst schreiben, verlinken, Quellen nennen und den Leser nicht als Klick behandeln. Du kannst das ebenfalls. Das Internet wird dadurch nicht wieder so, wie es einmal war. Aber es bleibt ein Ort, an dem Menschen sichtbar sein können, wenn sie den Anfang selbst machen.
Das Internet ist nicht tot. Tot ist eher die Vorstellung, dass Öffentlichkeit automatisch entsteht, sobald man etwas veröffentlicht. Die Zahlen zeigen einen Rückzug von Sichtbarkeit und Beteiligung, aber keine vollständige Abwesenheit von Menschen. Ob aus dem Rest wieder mehr Austausch wird, hängt weniger von einer großen Plattform ab als von vielen kleinen Entscheidungen, selbst zu schreiben und aufeinander zu verweisen.



