Warum 97%-Lösungen besser als 100%-Lösungen sind

Halbfertige BrückeIn der letzten Zeit habe ich mir immer wieder folgende Frage gestellt, die zugleich auch den Titel dieses Artikel bestimmt: “Warum ziehen so viele Firmen die Eigenentwicklung dem Kauf einer fertigen Lösung vor?”

Meine Schulzeit ist zwar noch nicht Jahrzehnte her, aber das eine oder andere Unternehmen durfte ich schon kennenlernen. Mal mehr und mal weniger intensiv. Eines war jedoch in fast allen Fällen gleich – wenn es eine Anforderung für eine neue Softwarelösung kam, dann viel die Entscheidung fast immer zur Eigenentwicklung. Und das unabhängig davon, ob Entwickler im Haus vorhanden waren oder ob die Individuallösung bei einem externen Unternehmen in Auftrag gegeben wurde.

Die Frage “Make or buy?” – sprich “Selber machen oder einkaufen?” – kam nur selten auf und wurde, wie gesagt in den meisten Fällen schnell wieder abgetan und mit “Selber machen” beantwortet.

Mir persönlich stellt sich nicht die Frage, ob Make or buy, sondern warum diese Frage im Unternehmensalltag so oft abgetan oder erst gar nicht gestellt wird.

Vor- und Nachteile von Eigenentwicklungen

Sicher kann es in gewissen Fällen einen Sinn ergeben, eine Software selbst zu entwickeln. Zum Beispiel wenn die Anforderungen so speziell sind, dass es einfach keine Software auf dem Markt gibt, die die Anforderungen auch nur im Ansatz erfüllt. Vielleicht kann es sogar manchmal sinnvoll sein, selbst zu entwickeln, wenn auf absehbaren Zeitraum Entwicklerkapazitäten frei sind und man die Mitarbeiter nicht freisetzen möchte, weil sie sonst keine Beschäftigung hätten. Obwohl dies schon ein sehr spezieller Fall wäre.

In den meisten Fällen ist es doch aber so, dass es für die gestellten Anforderungen eine Standardsoftware gibt, die sich durch Customizing-Maßnahmen an das exakte Anforderungsprofil anpassen ließe. Die Vorteile dabei liegen klar auf der Hand.

  • Die Standardlösung ist im Normalfall günstiger
  • Die Time-to-Market kann verkürzt werden
  • Es ist ein Dienstleister mit ausreichend Know-how vorhanden
  • Risiken können durch Verträge (zumindest in Teilen) auf den Dienstleister abgewälzt werden

97% sind genug

Den einzigen Vorteil, den eine Eigenentwicklung mit sich bringt, ist die Tatsache, dass die Applikation zu 100% den Anforderungen entspricht. Geht es um ein Softwareprojekt, welches sich zum Beispiel nach gewissen Normen, Richtlinien und Gesetze richten muss, wie zum Beispiel eine Support Software nach ITIL, dann steigt die Komplexität erneut an und erhöht die Kosten einer Eigenentwicklung abermals.

Aber ist der Unterschied zwischen einer selbst gemachten 100%-Lösung und einer gekauften 97% Lösung wirklich die teils exorbitanten Kosten-Unterschiede wert? Ich, meiner Erfahrung und meinem Empfinden nach, behaupte, dass in den allermeisten Fällen die 97%-Lösung, aus wirtschaftlicher Perspektive, mehr Sinn machen würde.

Am Ziel vorbei?

Abschließend würde ich gerne wissen, ob ich mit meinen Erfahrungen allein auf weiter Flur bin, oder ob sich meine Beobachtungen mit euren decken? Konntet ihr ähnliche Beobachtungen machen und wie steht ihr zu meiner 97%-These?

 

Das Artikelbild steht unter CC-Lizenz und stamm von David Lally.

Warum 97% Lösungen besser als 100% Lösungen sindÜber den Autor: Dieser Artikel, sowie 363 andere Artikel auf code-bude.net, wurden von Raffael geschrieben. – Seit 2011 blogge ich hier über Programmierung, meine Software, schreibe Tutorials und versuche mein Wissen, so gut es geht, mit meinen Lesern zu teilen. Zudem schreibe ich auf derwirtschaftsinformatiker.de über Themen meines Studiums.  //    •  • Facebook  • Twitter


7 Kommentare

  1. Christiansays:

    Unserer Erfahrung nach ist “Marke Eigenbau” – auch wenn anfangs teurer – die bessere Wahl. Unsere Geräte (wissenschaftlichen Bereich) haben wir häufig durch einen eigenen Elektroingenieur in Zusammenarbeit mit der IT bauen lassen. Die gekaufte Lösung wäre häufig um vieles günstiger gewesen. Dadurch hätten unsere Wissenschaftler aber um ein vielfaches ungenauere Forschungsergebnisse bekommen. Außerdem sind Support und Wartungskosten der Fremdfirmen in diesem unserem speziellen Bereich unglaublich teuer. Wartungsverträge von mehreren 10.000 Euro für ein Dutzend Geräte pro Jahr ist einfach nicht tragbar.

    • Ok, im wissenschaftlichen Bereich kenne ich mich nicht ganz so aus. Wenn die fertigen Geräte aber nicht die benötigte Messgenauigkeit bringen, dann kann man die Make-Entscheidung nachvollziehen.

      Das entspricht etwa folgendem Satz aus dem Artikel: “[…] wenn die Anforderungen so speziell sind, dass es einfach keine Software auf dem Markt gibt, die die Anforderungen auch nur im Ansatz erfüllt.”

      Dürfte ich Fragen in welchem wissenschaftlichen Zweig du bzw. seine Firma sich bewegt?

      Viele Grüße

      • Christiansays:

        Wir (ich bin nur der SysAdmin) sind in der medizinischen Forschung tätig; Fachbereich (Elektro-)Physiologie und neuronale Netzwerke.

  2. Ich denke viele Unternehmen sind gern unabhängig und wollen sich lieber selbst im Weg stehen als das dies jemand anders tut. Wie du schon richtig sagtest wollen die Firmen zu oft 100%.
    Ich kenne dies aus unserer Firma, unser Chef ist aber mitlerweiler anderer Meinung und gibt sich mit 97% zufrieden. Dies hat uns schon einiges an Arbeit und somit auch an Geld gespart.

  3. Ich kann dir da nur zustimmen. Was an neuen Sachen läuft schon immer zu 100 %? Es gibt in fast allen Bereichen in den Anfangsphasen noch kleine Fehler, die erst nach Benutzung auffallen und korrigiert werden müssen :-)

  4. Ich glaube das beste Beispiel ist Microsoft. Wenn MS gewartet hätte bis Windows fehlerfrei funktioniert hätte, dann wären sie nicht so erfolgreich geworden. Sie haben Windows auf den Markt gebracht, als es noch jede Menge Fehler hatte. D.h. sie sind mit 97 Prozent erfolgreich geworden.

    • Das ist natürlich auch eine Betrachtungsweise. Bezogen auf dein Beispiel stimme ich dir zu. Die grundlegende Frage, die sich mir stellt, ist jedoch: “Warum entscheiden sich so viele KMUs für “Make” statt “Buy”?”

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